Unsere Grundsätze der PSNV-E
Als Einsatzkräfte sind wir es gewohnt mit Stress und Belastungen umzugehen. Und wir bewältigen die allermeisten Einsätzen gut, gerade weil unser Stresspegel hochgefahren ist. Auch wenn nach Einsätzen Probleme und damit Unterstützungsbedarf entstehen, reichen in der Regel die eigenen Verarbeitungsmöglichkeiten aus, um den Stress gut zu verkraften und zu „verdauen“.
Aber wenn es zu einer außergewöhnlichen Belastung kommt, können wir diese manchmal, anders als die Einsatzbekleidung, nach dem Einsatz nicht einfach an den Haken hängen. Wir nehmen diese Belastungen mit: Nach Hause, in den Alltag, in den nächsten Einsatz.
Was auf keinen Fall funktioniert ist Abhärtung; im Gegenteil, jede unbewältigte Belastung summiert sich weiter auf und irgendwann bringt der berühmte letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen.
Auf schwere, belastende Einsätze, die nicht so gut „verdaut“ werden, können wir uns jedoch vorbereiten, und zwar mit einem Grundwissen über einsatzbedingten Stress, d.h.: Was ist Stress? - Wie reagieren wir auf Stress? - Was hilft uns, um erlebten Stress gut zu verarbeiten?
Das ist das Thema der PSNV-E, der Psychosozialen Notfallversorgung (bzw. Stressbewältigung) für Einsatzkräfte.
Unterschieden wird zwischen der psychosozialen Unterstützung von Einsatzkräften (PSNV-E) und der psychosozialen Unterstützung von Betroffenen (PSNV-B). Beide Gruppen haben unterschiedliche Bedürfnisse und brauchen daher unterschiedliche Unterstützungsformen (so wie beispielsweise analoger und digitaler Funk zwar in der Anwendung prinzipiell ähnlich, aber trotzdem nicht miteinander kompatibel sind):
- PSNV-E ist Teil der „Fürsorgepflicht“ des Dienstherrn, genauso wie das Zurverfügungstellen von Ausbildung, Ausrüstung und PSA. Denn Einsatzkräfte erleben Stress aufgrund von hohen Belastungen. Damit geht es zusätzlich zur körperlichen auch um die seelische Unversehrtheit. Und das heißt: Einsatzkräfte brauchen Unterstützung bei der Vermeidung und der Bewältigung von Stress.
- Maßnahmen der PSNV-B umfassen als „Daseinsvorsorge“ (also Unterstützung beim Umgang mit Verlusten und mit Trauer), psychische erste Hilfe und weitergehende psychosoziale Hilfen.
- PSNV-E wird erbracht vom PSNV-E-Team der jeweiligen Einsatzorganisation.
- Maßnahmen der PSNV-B werden erbracht von den Einsatzkräften der Feuerwehr, vom Rettungsdienst und von der Notfallseelsorge.
- Das heißt: Im Einsatz leisten die Einsatzkräfte solange „Seelische Erste Hilfe“ für die Betroffenen, bis sie an Rettungsdienst oder an Notfallseelsorge bzw. Kriseninterventionsteam übergeben werden können.
Einsatznachsorge ist bewusste Komplexitätsreduktion:
- keine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung, sondern
- praktische, handwerklich orientierte Unterstützung bei der Bewältigung von Stress
- auf neurowissenschaftlicher Grundlage.
PSNV-E ist keine Betreuung, Beratung o.ä., entspricht also nicht dem, wie psychosoziale Arbeit gewohnter Weise läuft, weil wir es mit zwar belasteten, aber gesunden Kamerad*innen zu tun haben.
Belastung bedeutet außergewöhnliche persönliche Anspannung und Stress, und unsere Aufgabe ist es dann, die betroffenen Kamerad*innen in dieser schwierigen Situation zu begleiten. Das heißt, PSNV-E ist Unterstützung zur Selbstbemächtigung, konkret
- Das Erlebte zu strukturieren und darüber
- Sicherheit und Handlungsfähigkeit wiederherzustellen.
Das machen wir einsatzkräftemäßig strukturiert, das heißt wir arbeiten eine Lage ab und orientieren uns strukturell am Verhalten und Vorgehen im Einsatzfall (vgl. den „Führungsvorgang“ in der DV 100 und weitere Dienstvorschriften der jeweiligen Einsatzorganisationen).
Wir wissen, dass unsere A7-Methode fundiert und gut ist und daher wirkt. Die Struktur, mit der wir arbeiten, stärkt die belasteten Einsatzkräfte und schützt uns selber vor Belastungen. Unsere Wirksamkeit beruht daher auf Interesse und Handlungssicherheit, aber nicht auf Zuwendung und Nettigkeit.
Die Qualität des A7-Konzeptes wird durch Weiterentwicklung gesichert. Das heißt, alle, die sich über A7 in der Methodik PSNV-E ausbilden lassen und das praktizieren, tragen dazu bei A7 weiter zu entwickeln.
An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Teilnehmer*innen der Aus- und Weiterbildungen, ohne deren Neugier und Wissenwollen A7 nicht das wäre, was es ist und was es noch werden wird!
Die Auseinandersetzung damit, dass Einsätze belastend sein können, stärkt in den Einsatzorganisationen auch die Abkehr von der Fixierung auf die alten männlichen Tugenden, wie Kraft, Härte gegen sich selbst, Wettbewerbsdenken und Dominanzgebaren und stärkt die Kompetenzen, die tatsächlich entwicklungs- und erfolgsfördernd sind, nämlich Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken.
In der Peer-Ausbildung geht es uns um die Vermittlung von
- Theorie, d.h. dem eigenen Verstehen v.a. der neurowissenschaftlichen Hintergründe, die als zugrundeliegende Fachlichkeit der A7-Methode für die eigene Haltung entscheidend wichtig ist, aber in der konkreten Einsatznachsorge nicht benannt wird, weil das eine Überfrachtung und eine Überforderung der betroffenen Einsatzkräfte wäre. Und von
- Praxis, d.h. dem mechanischen Einüben der A7-Methode, so wie auch im Feuerwehrdienst das Ausrollen von Schläuchen geübt wird, damit das im Einsatzfall problemlos gelingt.
Es zeigt sich in den Ausbildungen, dass genau das schwierig sein kann für
- Menschen, die im psychosozialen Bereich beruflich tätig und für
- Menschen, die mit eigenen psychosozialen Problemen in Behandlung sind bzw. waren,
und die jetzt lernen müssen, dass sie sich mit der Einsatznachsorge im Bereich der Sekundären und nicht der Tertiären Prävention bewegen.
